Chris Priestley – Onkel Montagues Schauergeschichten

von Kerstin Kiaups

Karl hat es nicht einfach. Seine Eltern wissen nicht so recht, was sie mit ihm anfangen sollen und fühlen sich am wohlsten, wenn ihr Sohn nicht in der Nähe ist. So haben sie auch nichts dagegen einzuwenden, wenn Karl Zeit bei seinem Onkel Montague verbringt. Dieser lebt mit seinem Diener Franz jenseits eines düsteren Waldes in einem herrschaftlichen Anwesen und obwohl die Verwandtschaftsverhältnisse zu Karl nicht ganz so klar sind, wie es die Bezeichnung ‚Onkel‘ vermuten lassen könnte, ist der Junge ein gern gesehener Gast. Denn Montague hat einen schier unerschöpflichen Vorrat an Geschichten und Karl ist ein dankbarer Zuhörer – auch wenn ihn des Öfteren das kalte Grausen packt, denn alle Geschichten des Onkels sind Schauergeschichten und alle handeln sie von Kindern, wie Karl.

In diese Rahmenhandlung bettet Chris Priestley neun Erzählungen ein, die ohne reißerische Mittel, aber mit dem Gefühl eiskalter Finger im Nacken schon mit wenigen Worten eine wunderbar gruselige Atmosphäre schaffen. Die 2010 erschienene deutsche Übersetzung von Beatrice Howeg unterstreicht die Wirkung durch einen sauberen, unaufdringlichen Stil, der mit wenig Tamtam beeindruckende Effekte erzielt. Illustriert werden die Geschichten durch die Zeichnungen von David Roberts, dessen monochrome, leicht verschrobene Arbeiten nicht von ungefähr an die Bilder Edward Goreys erinnern. Tatsächlich wecken Onkel Montagues Schauergeschichten, ebenso wie die Nachfolgebände Schauergeschichten vom schwarzen Schiff (2011) und Schauergeschichten aus dem Schlund des Tunnels (2012), die ebenfalls bei Bloomsbury/Berlinverlag erschienen sind, Erinnerungen an die finster-amüsanten Geschichten Goreys aus den 1960er Jahren, wie etwa The Gashlycrumb Tinies. Ähnlich wie in diesem alphabetisch geordneten Reigen von Reimen stehen auch bei Priestley die morbiden Schicksale der Kinder im Vordergrund.

Dass es dabei nicht allzu grausam zugeht und der Fokus auf ein wohl akzentuiertes Schaudern statt auf explizit dargestellten Ekel gelegt wurde, ist sicherlich der Zuordnung der Bücher zur Kinder- und Jugendliteratur zu verdanken. Dennoch dürften auch erwachsene Leser mit einer Neigung zu einer eher altmodischen, klassischen Form des Horrors auf ihre Kosten kommen und sich bei der kurzweiligen Lektüre von Priestleys Büchern angenehm gruseln.

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