H. P. Lovecraft: Berge des Wahnsinns – Eine Schauergeschichte zu Halloween

von Marcel Böhne

Der Wissenschaftler Wiliam Dyer bricht sein Schweigen. Ein Schweigen, das sich Dyer nach einer Expedition in die Antarktis im Jahre 1930 auferlegte. Dyer und ein Forschungsteam der Miskatonic-Universität wollen mit einem neuartigen Bohrgerät Gesteins- und Bodenproben in der Antarktis untersuchen. Die Expedition entpuppt sich als bahnbrechende Erkenntnis, denn die Forscher entdecken eine Höhle mit Fossilien einer noch unbekannten Lebensart. Ihre Physiognomie deutet darauf hin, dass diese Lebensart hochentwickelt, mithin intelligent gewesen sein muss.

Bei der Rückkehr ins Lager finden Dyer und der Student Danforth einen Teil des Forschungsteams tot auf. Der Forscher Gedney und einer der Schlittenhunde sind verschwunden. Zudem entdecken die beiden, dass sechs tote Ungeheuer sorgsam bestattet wurden. Was ist geschehen? Und wo ist Gedney? Dyer und Danforth begeben sich auf eine grauenhafte Reise und stoßen auf neue Erkenntnisse der irdischen Vergangenheit.

faszinierend – bildgewaltig – wissenschaftlich

Die Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft aus dem Jahre 1931 ist einer der Texte, die sich in den von Lovecraft entwickelten „Cthulhu“ Mythos einordnet. Dabei machen die Ungeheuer und Wesen, die eines anderen Kosmos entstammen, gar nicht den Kern dieser Horrorgeschichte aus. Der Leser geht mit dem Protagonisten Dyer auf eine Reise in die kalte, kahle Weite der Antarktis, die bildgewaltig und ästhetisierend beschrieben wird:

„An bewölkten Tagen hatten wir beim Fliegen beträchtliche Schwierigkeiten, da allzu leicht verschneite Erde und Himmel zu einer einzigen, mystisch schimmernden Leere verschmolzen, in der kein sichtbarer Horizont mehr die Grenzen zwischen beiden markierte.“

Der Leser ist zugleich froh, nicht selber in der Antarktis zu sein, denn ein dauerhafter, subtiler Schauer umhüllt ihn, weil niemand genau weiß, was sich dort fremdartiges abspielt. Diese Spannung entsteht  vor allem durch die Erzählweise, denn es wirkt so, als ob die fiktive Geschichte ein wissenschaftlicher Bericht ist, der durch die vielen wissenschaftlichen Details und Beschreibungen der erzählten Welt, die Lovecraft rational, sorgsam und ausführlich darbietet, Authentizität erzeugt. Diese dichte Atmosphäre ist wahrlich schauderhaft.

„Am oberen Ende des Rumpfes stumpfer, knollenartiger Hals von hellerem Grau, mit kiemenähnlichen Merkmalen, trägt gelblichen, fünfeckigen, seesternförmigen Kopf, der mit drei Zoll langen, drahtigen Wimpern von verschiedenen Prismafarben bedeckt ist.“

Durch diese detaillierte Sachlichkeit in der Erzählweise wird die Grenze zwischen Fiktion und Realität sehr weit verschoben und man stellt sich als Leser tatsächlich die Frage, ob nicht an einem noch unentdeckten Flecken auf dieser Erde eine solche Entdeckung einer unbekannten Lebensform möglich wäre.

fremd oder doch nicht? – die kleinen Schwächen

Doch Lovecraft überspitzt es, indem die Spannung aufgrund der schrecklichen Ereignisse und die möglichen Entdeckungen des Fremden aufgebrochen wird, da die unbekannte Lebensart als die aus dem „Cthulhu“-Mythos bekannten „Shoggothen“ identifiziert wird. Eine bloße Andeutung wäre an dieser Stelle spannender und interpretativer gewesen.

Ebenso finden sich Schwächen in der Beschreibung der Figuren, denn die Charakterisierung des Protagonisten oder persönliche Hintergründe der Figuren passen auf eine Briefmarke. So bleiben die Figuren zum Teil namenlos und die Innensicht des Protagonisten wird nur selten oder in aufgequollenen, allzu generalisierenden Worten beschrieben:

„Eigentlich sollte ich inzwischen abgehärtet sein; doch es gibt Erlebnisse und Erfahrungen, die sich uns zu tief einprägen, als daß die von ihnen geschlagenen Wunden je heilen könnten, und die lediglich eine so übersteigerte Empfindsamkeit zurücklassen, daß die Erinnerung all das ursprüngliche Grauen wieder heraufbeschwört.“

intelligente Wissenschaftsdystopie statt Gruselschocker

Trotz der mangelnden Figurendarstellung zugunsten einer sachlichen Erzählweise, ist es gerade die wissenschaftliche „Trockenheit“, die im Vordergrund steht und uns Leser auf eine authentische und zugleich grauenhafte Reise mitnimmt. Wir schreiten Schritt für Schritt gemeinsam mit Dyer und Danforth der Gefahr entgegen und bekommen reichlich Gänsehaut, wenn die Tekeli-li! – Schreie erhallen.

 

 

 

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