VORSCHAU: Alles Spiel? Jean Genets „Die Zofen“ im Theater am Engelsgarten

von Julia Wessel

„Das Schicksal des Menschen ist der Mensch“, so Bertold Brecht. Erst durch Beziehungen, durch menschliche Interaktion wird seine Existenz bezeugt – und damit begründet. Ganz bewusst entscheidet er dabei, wer er sein will: Im Annehmen einer Persönlichkeit und im Ausloten ihrer Möglichkeiten erschafft sich der Mensch im Spiel selbst.
Diesen Gedanken verfolgt Jakob Fedler in seiner Inszenierung von Jean Genets „Die Zofen“, gemäß dem diesjährigen Spielzeit-Motto „Alles Spiel“: Die Schwestern Claire und Solange (gespielt von Lena Vogt und Philippine Pachl) lieben es, in fremde Rollen zu schlüpfen, ihre Sehnsüchte in Utopien heraufzubeschwören und sich dabei immer wieder neu zu erfinden. Ihr Favorit ist das Szenario von Zofe und Dame, ein ewiges Wechselspiel zwischen Macht und Unterwürfigkeit, Bewunderung und Verachtung. In diesen Rollen durchbrechen sie gemeinsam die Grenzen ihrer Existenz – und sind doch in ihrer Beziehung gefangen, in einer zwanghaften Symbiose aneinander gekettet.

Dieses innere Gefängnis offenbart sich auch im Bühnenbild, entworfen von Dorien Thomsen: Auf einer schmalen grauen Spielfläche, klar begrenzt durch die von einer wilden Stoffinstallation durchbrochene Rückwand, sind die Schwestern ihrem Publikum schutzlos ausgeliefert und bilden den klaren Fokus des Geschehens. Sichtbare Ein- oder Ausgänge gibt es keine – Ausdruck der innigen Schwesternbeziehung oder die klaustrophobische Visualisierung ihrer Ausweglosigkeit? Auch die Musik, eine eigens für die Inszenierung entstandene minimalistisch-rhythmische Komposition von Gunda Gottschalk, spiegelt die ewige Wiederholung der Szenerie.

„Die Zofen“, das meistgespielte Werk von Jean Genet, kam 1947 in Paris zur Uraufführung und erlebt derzeit eine Renaissance im deutschen Schauspiel. Die andauernde Aktualität des Stoffs ergibt sich aus den im Stück enthaltenen existenziellen Grundfragen. Durch den Abhängigkeitscharakter der Figurenkonstellation wird die menschliche Beziehungsfähigkeit grundlegend in Frage gestellt – sei es Liebes- oder Geschwisterpaar. Das Umkehren der Machtverhältnisse, auch vor Genets Zeit schon ein beliebtes Experiment in Theater und Literatur, vollzieht sich für die Zofen zugleich in ihren Rollen und in ihrer realen Schwesternbeziehung: Claire und Solange genießen es, das System kippen zu lassen – spielerisch. Doch wie weit werden sie mit diesem Spiel gehen? Und wann beginnen die Grenzen zwischen Realität und Imagination zu verschwimmen? Ob am Ende des Stücks alles Spiel bleibt und ob die Schwestern es schaffen, sich voneinander zu befreien – und wenn ja, zu welchem Preis – wird die Premiere am Samstag zeigen. Wir sind gespannt!

Termine im Theater am Engelsgarten:
Sa. 11. November 2017 19:30 Uhr (Premiere)
So. 12. November 2017 18:00 Uhr
Sa. 18. November 2017 19:30 Uhr
So. 19. November 2017 18:00 Uhr
So. 03. Dezember 2017 18:00 Uhr
Sa. 09. Dezember 2017 19:30 Uhr
Do. 18. Januar 2018 19:30 Uhr
Fr. 02. Februar 2018 19:30 Uhr

Tickets sind über die KulturKarte (0202 563 7666) und an verschiedenen Vorverkaufsstellen erhältlich. Nicht vergessen: Studierende der Bergischen Universität Wuppertal erhalten über die Bühnenflatrate freien Eintritt nach Reservierung (gilt nicht für die Premiere).

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