Die verlorene Kindheit

Er wusch sich das Blut im Badezimmer ab.

Was hatte er bloß getan? Wie sollte er diese Tat rechtfertigen?

Seine blutigen Hände zitterten. Wenigstens schlief der Junge. Er sollte ihn so nicht sehen.

Nathan wusste ja nicht mal, wie es so weit kommen konnte. Es war ein Streit, wie jeder andere in den letzten Jahren. Seine Frau hatte ihn für all ihre Probleme verantwortlich gemacht. Und jetzt war sie tot. Lag regungslos in der Küche. Er musste ihre Leiche wegschaffen, bevor der Junge wach wurde. Eigentlich geschah ihr das zu Recht. Es war ganz allein ihre Schuld. „Die verlorene Kindheit“ weiterlesen

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Schlechtes Benehmen

Wer größere Menschenansammlungen und schlechtes Benehmen hasste, unternahm keine Pauschalreisen. Der blieb zuhause und schloss sich ein – oder fuhr nach Amrum, reizärmstes Eiland der deutschen See. Soweit so gut. Dennoch saß ich hier nun in einem stickigen Speisesaal mit dem Charme eines städtischen Hallenbades, den Blick am Nebentisch, wo einem der beiden Kleinkinder, die mit ihren Eltern dort saßen, der Paella- Reis langsam aber sicher von der schmalen Brust perlte. Nächstes Jahr also Dänemark, dachte ich bei mir und mühte mich vergeblich ab, das blaue All-Inclusive-Bändchen an meinem Handgelenk zu lockern, denn es schnitt mir von Tag zu Tag mehr ins Fleisch.

Janina Zogass

Das Verlorene Gedächtnis

Sie saß morgens immer am Strand. Und lächelte mit ihrem verträumten Lächeln…
Alles begann an diesem Morgen, als ich und meine Frau uns wegen irgendeiner Nichtigkeit stritten. Wir schrien uns an und sagten Worte, die besser ungesagt bleiben sollten.
Wie schnell sich das Leben doch verändert…
Sie stieg wutentbrannt ins Auto. Und hatte einen Unfall. Einen schrecklichen Unfall.
Amnesie, hatte der Arzt gesagt. Es kann Jahre dauern, bis sie zu sich selbst findet.
Und nun betrachte ich meine Frau vom Fenster aus. Ihr blondes Haar hat weiße Strähnen. Ihre Figur hat sich nicht sonderlich geändert. Ihr blaues Kleid umfasst ihren kleinen, schlanken Körper.
Sie dreht sich zu mir um.
Ihre grünen Augen strahlen mich an, wie an jenem Tag, als wir uns kennenlernten.
Und sie lächelt.

Anthoula Hatziioannou

Der Lieblingslehrer

Ich war wütend. Wütend, weil mein Lehrer mich, kurz vor Beginn des Schulgottesdienstes, von meinen zwei Freundinnen wegsetzte, obwohl ich überhaupt nichts gemacht hatte. Während die beiden kicherten und tuschelten, entstand bei meinem Lehrer der Eindruck, ich sei die Unruhestifterin. Als wäre es nicht schlimm genug gewesen, als junges, vielleicht 12-Jähriges Mädchen, in die Kirche gedrängt zu werden. Beleidigt saß ich nun neben den Lehrern, bis der Gottesdienst vorbei war, stapfte dann wieder zu den Mädels und fuhr sie wütend an: „So ein Arsch! Ich habe nichts getan, ihr wart es und ich werde bestraft!“ Als ich mich umdrehte, stand mein Lehrer hinter mir, doch anders als erwartet grinste er mich nur an und behandelte mich auch danach nie schlecht. Ja, er war mein Lieblingslehrer.

Katia Marcucci

Das Verlies

Dunkelheit.
Überall nur Dunkelheit.
Wo bin ich? Was mache ich hier?
Mein Kopf schmerzt. Ich kann mich kaum bewegen.
Ein klirrendes Geräusch. Es riecht nach Verfaultem.
Wie bin ich bloß hierher gekommen? Ich kann mich nur an dieses schreckliche Date erinnern.
War das gestern Abend? Und warum kann ich nicht aufstehen? Hab ich einen Hangover?
„Guten Morgen, Mary!“
Woher kommt diese Stimme? Aus einem Lautsprecher?
„Du siehst noch ganz benommen aus! Hast du nicht gut geschlafen?“
Woher kenne ich sie bloß, diese Stimme?
„Es tut mir wirklich Leid für die Umstände! Aber du hast mir keine andere Wahl gelassen! Gleich müsstest du dich besser fühlen! Die Betäubung hat wohl länger angehalten, als ich dachte.“
„Wer zum Teufel bist du? Und wo bin ich hier?“
„Das entscheidest allein du, meine Liebe.“
Gleißendes Licht erfüllt den weißen Raum. Und ich bin nicht alleine.
Am liebsten wäre ich in der Dunkelheit geblieben, als in die leblosen Augen der zwei angeketteten Männer zu blicken.
„Mögen die Spiele beginnen!“

Anthoula Hatziioannou

Ach, Pipi!

Rot-schwarze Flammen schlugen aus dem Küchenfenster hinaus, schlangen sich an der Hausfassade empor und mündeten in einer gigantischen dunklen Rauchwolke, die es einem kaum noch ermöglichte zu atmen. Herr und Frau Schmidt standen fassungslos vor ihrem Heim, aufgelöst und geschockt, aber vor allen Dingen auch in großer Sorge um Pipi, ihre Chihuahua Dame mit dem Swarovski-Halsband. Als der Sonntagsbraten im Backofen Feuer fing, waren sie überstürzt aus dem Haus gerannt, ohne irgendetwas mitzunehmen. Selbst Pipi nicht. Normalerweise schlief sie um diese Zeit immer im Ehebett. Vielleicht hatte sie es ja geschafft, durch die offene Terrassentür zu entkommen, aber sie war nicht mehr die jüngste und hatte seit drei Jahren erhebliche Probleme mit der Bandscheibe. Pipi, ach Pipi, die immer so süß pupste beim Schlafen. Pipi, die immer die Bratwürste vom Teller stibitzte. Pipi, die immer in das Planschbecken der Nachbarn urinierte. Frau Schmidt brach in Tränen aus und sank verzweifelt auf dem Bürgersteig zusammen.

Nadine Wichmann